Rückblick 2015-2017, Teil 4: Strengths

Deine ausgeübten Kräfte spanne, / bis sie reichen, zwischen zwein /

Widersprüchen … Denn im Manne / will der Gott beraten sein.

 

Ich denke, ich bin gut aufgestellt bezüglich meiner Kräfte (engl. powers, strengths) und Kompetenzen. Bezüglich unserem Kompetenzraster Unterrichten & Führen beurteile ich mich durchaus mit Selbstbewusstsein auf dem höchsten Niveau.

In dieser 4. und letzten Strophe geht Rilke nochmals auf das Thema Abgrund (“zwischen zwein Widersprüchen”) und dem Brückenbauen (“Kräfte spanne, bis sie reichen). Nun aber fokussiert er auf Widersprüche (engl. contradictions, opposing poles). Was meint er damit?

Vielleicht denkt er an einen Dualismus zwischen Vernunft und Herz im Sinne von Blaise Pascal?! Das würde mir sehr gefallen und zu meinen Ideen passen. Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point. (…) Nous connaissons la vérité, non seulement par la raison, mais encore par le cœur. Möglicherweise denkt er aber auch an Körper und Seele, Subjekt und Objekt, Yin und Yan, Mensch und Gott, Diesseits und Jenseits, Materie und Geist, Tag und Nacht, Ordnung und Chaos etc.

Die letzte Zeile ist super, und ihre Bedeutung wird in der Englischen Übersetzung noch klarer: For the god wants to know himself in you = der Gott möchte sich in Dir erkennen, bzw. inside human beings is where God learns = im menschlichen Wesen lernt Gott.

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Das sind doch ganz ausserordentliche Worte. Wenn Gott nicht lernt, sind wir in Schwierigkeiten. Oder nicht? Ich habe mich als Lehrer immer als “work in progress” verstanden. Ich war nie der Typ, der ankam und sich dann ausruhte. Integrität war und ist mir ein wichtiger Wert. Natürlich bin ich intellektuell und physisch nicht mehr derselbe wie 1992. Ich setze meine Ressourcen, Stärken und Interessen effizienter und effektiver ein. Ich lerne gern und sehe immer wieder etwas am Horizont, das ich noch nicht tue und das ich gerne machen möchte.

Wer eine Klasse führen will, muss viel über das Verhalten von Menschen und über Beziehungen wissen. Meine Persönlichkeit beeinflusst die Beziehung zu anderen. Für eine gute Beziehung ist es von grösster Wichtigkeit, dass ich mich für die andere Person interessiere und erkenne, auf welche Art und Weise diese für die Arbeit oder das eigene Leben wertvoll ist.

Ich war in den Jahren 2015-17 in folgenden Weiterbildungen:

  • Systemisch-lösungsorientiertes Coaching im Einzel- und Gruppensetting WB 2016
  • Schulische Berufsanforderungsprofile. Was Betriebe von Berufslernenden fordern. FHNW. 2015.
  • Konferenz ITC Kommschau FHNW 2016,
  • Thema «Mobbing» 2016, Eva Schullo,
  • Thema «Umgang mit schwierigen Lernenden» 2017, Eva Schullo
  • Workshop Videoherstellung mit Smartphones, Stefan Schmid 2017.
  • Autodidaktisch: Studium von Friedl. Was bringt mir das? Sinnvoll lehren, motiviert lernen. Jan. 2017. Arnold: Erziehung durch Beziehung. 2016.

Ich liebe es, didaktisch kreativ zu sein. Ich denke viel nach, wie ich ein Lernziel verpacken kann, damit die Jugendlichen gern und gut lernen. Oft dürfen meine Klassen auch bei der Auswahl der Themen / Lernziele partizipieren. Ein Highlight für mich und die letztjährige Stammklasse waren 3 Unterrichtseinheit, die ich in Absprache mit den Lernenden in English / Deutsch (bi-lingual) durchgeführt habe. Das war toll!

Zusammen mit 3 Lehrern aus meinem Team haben wir 15-16 das Projektthema «Theater» in der Spezialwoche 2 durchgeführt. Das war ein voller Erfolg! Seit 2 Jahren habe ich auch eine neue Outdoor-Route: einfach und günstig von Aarau auf die Gislifluh und dann ins Schenkenbergertal und 2x übernachten im Naturfreundehaus. Ich bin ein Fan von unserem Outdoorkonzept. Dieser Startevent ist anstrengend, jedoch pädagogisch sehr wertvoll! Den Abschlusstag im Team A2 haben wir seit 3 Jahren auch neu gestaltet. Wir verbringen ihn auf dem Gelände und grillieren zusammen auf der Wiese. Die Lernenden halten kurze Reden im Namen ihrer Klassen.

In der Allgemeinbildung nahm ich folgende spannende Themen in mein Programm auf (meistens auf Initiative der Jugendlichen): Krebs, Selbstmord, Islam und Islamismus, Black History, Mode & Textilindustrie (The True Cost), Homosexualität (seit Orlando 2016), und Transgender anlässlich der Klassenlektüre «Zusammen werden wir leuchten».

Seit 2 Jahren pflege ich mit der ganzen Klasse auch ein sogenanntes Werteheft, in dem es – wie der Titel schon sagt – um die Reflexion über Werte geht und wie wir Werte im Alltag leben und vorleben. Unter anderem haben die Jugendlichen Texte zu den Themen «Mein Vorbild und Werte» sowie «Meine Medien-Nutzung und Werte» geschrieben.

Als Warm-Ups bzw. Intros für eine Unterrichtseinheit benutzte ich ein paar Mal Bilder oder Lieder. Das war für die Jugendlichen jeweils ein motivierender Einstieg in das Thema: z.B. Bild von Kain und Abel als Einstieg für das Thema «Gewalt», Lied «Strange Fruit» von Billie Holiday als Einstieg für die Rassentrennung in den USA etc.

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Ich schenke den Rückmeldungen, die ich von anderen Menschen bekomme, Aufmerksamkeit, und verbessere meine eigene Selbstwahrnehmung. Die Feedbacks 2015-2017 von Eltern, von den Lernenden und von KollegInnen (Theo Nov. 2016, Katja Mai 2017) waren durchwegs gut.

Ich bin jetzt schon über 50 Jahre alt und finde, dass ich gut daran tue, nicht nur in fachliche Weiterbildung, sondern auch ins Philosophieren und speziell in meine «abschiedliche» Bildung zu investieren, wie Verena Kast dies genannt hat. Ich kämpfe nicht verzweifelt gegen die Vergänglichkeit an, sondern besinne mich auf die kleinen Dinge, versuche die Weiterentwicklung jüngerer Menschen zu begünstigen und im Team integrativ zu wirken.

Ich habe aufgehört, mir Sorgen zu machen, ob (oder nicht) ich den nächsten Zug oder Bus verpasse. So wie viele Menschen denken, man sollte sich beeilen, die Zeit wird knapp etc. Mein Gefühl für die Zeit wurde stärker. Nicht dass ich alle Zeit der Welt hätte, oder mehr Zeit als andere Menschen. Ich habe beispielsweise vor 2 Monaten begonnen, wieder Musik zu machen. Ich mache alle 40 Jahre Musik, denn ich habe als Jugendlicher zuletzt Musik gemacht. Oder wie Robin Williams gesagt hat: “Es wird einem nur ein kleiner Funkten Verrücktheit geschenkt. Verlier ihn nicht!!” Ich werde mir weiter Mühe geben.

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Quellen:

Nous connaissons la vérité, non seulement par la raison, mais encore par le cœur. http://www.penseesdepascal.fr/Grandeur/Grandeur6-moderne.php Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point. https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_c%C5%93ur_a_ses_raisons_que_la_raison_ne_conna%C3%AEt_point.

https://blog.tagesanzeiger.ch/berufung/index.php/35619/wir-leben-einer-todesvergessenen-gesellschaft/

 

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